Jeff Lynne’s ELO – Wembley or Bust

Unter dem Weihnachtsbaum lag für mich eine schöne Überraschung: die Blu-ray (plus zwei CDs) der aktuellen Tour von Jeff Lynne’s ELO. Der mittlerweile 70jährige Jeff Lynne spielte im Sommer 2017 vor 60.000 Zuschauern in der Wembley-Arena, zusammen mit seiner derzeitigen Electric-Light-Orchestra-Besetzung, in der allerdings keines der ursprünglichen Mitglieder aus den 70er und 80er Jahren mehr vorhanden ist. Sein Band-Kollege Richard Tandy aus alten Zeiten war zum Zeitpunkt der Aufnahme zu krank, um mit auf Tour zu gehen.

Das fällt jedoch nicht weiter auf, denn immer schon spielte Jeff Lynne bei Aufnahmesessions gerne viele Instrumente selbst und hatte ausgesprochen genaue Vorstellungen davon, wie die Stücke, die fast ausnahmslos aus seiner Feder stammen, arrangiert werden sollten. So spielen die sehr guten Musiker genau das, was der Chef will und das klingt, wie immer, großartig.

Jeff Lynne's ELO - Wembley or Bust
Jeff Lynne’s ELO – Wembley or Bust

Das Konzert auf der Blu-ray wird an mehreren Stelle unterbrochen, um kurze Interviews mit Jeff Lynne und Backstage-Aufnahmen zu zeigen. In ersteren erzählt der Bandleader, dass er so zufrieden mit der Tour ist wie noch nie, da er zum ersten Mal live nichts auslassen muss, was in der Studio-Version eines Songs vorhanden ist – er konnte einfach genügend Musiker mitnehmen, um alle Parts spielen zu lassen. Nichtsdestotrotz handelt es sich nicht um Eins-zu-Eins-Versionen der Lieder, einige wurden umarrangiert – so sind z. B. die Streicherinnen (zwei Cellistinnen und eine Violinistin) in allen Stücken zu hören.

Jeff Lynne hat Glück: Während viele Altersgenossen ihre Stimme zersungen oder durch das Altern verloren haben, klingt er fast wie früher. Man überhört das vielleicht in dem Soundteppich und den beeindruckenden Arrangements der Lieder, aber Jeff Lynne ist nicht nur ein guter Gitarrist und ein ausgezeichneter Komponist, Produzent und Arrangeur, er ist auch ein hervorragender Sänger – man denke nur an Wild West Hero. Dass er noch gut bei Stimme ist mag auch daran liegen, dass er sie nie über Gebühr strapaziert hat. Ich erinnere mich an ein ELO-Konzert in den 1980er Jahren (übrigens, obwohl ELO damals nicht in der Top Five meiner Lieblingsbands waren, eines der besten und stimmungsvollsten Konzerte, die ich je gesehen habe, und das waren bestimmt 50 oder mehr). Dort war ich überrascht zu sehen, dass Jeff Lynne einen guten Teil der Lead Vocals einfach seinem Bandkollegen (vermutlich Kelly Groucutt) überließ, bestimmt ein Viertel oder mehr. Bei der aktuellen Tour übernimmt der männliche Backing Vocalist nur einige kurze Parts.

Technisch ist dieser Konzertmitschnitt ebenfalls exzellent: Sound, Filmmaterial, Regie – es gibt nichts zu meckern. Das schöne Bühnenbild mit der guten alten ELO-fliegenden-Untertasse freute nicht nur mich, sondern auch Jeff Lynne selbst, der erzählt, dass er sich während der Proben immer wieder umdrehte und es anschaute.

Insgesamt lässt sich nur sagen: Wer ELO früher mochte, wird höchstwahrscheinlich begeistert sein. Wer sie immer schon ablehnte, wird kaum etwas neuartiges finden, das ihn/sie umstimmen kann, auch wenn mit Handle with Care von den Traveling Wilburys, Xanadu (vormals von Olivia Newton-John gesungen, aber geschrieben und eingespielt von ELO) und When I was a Boy aus dem neuen Album ein wenig neues Songmaterial dabei ist. Fans freuen sich über 23 Songs, von denen ein Großteil aus den Charts bekannt ist: Evil Woman, All Over the World, Last Train to London, Don’t Bring me Down und Mr. Blue Sky sind nur einige davon. Meine persönlichen Favoriten und Anspieltipps: Livin‘ Thing, 10538 Overture, Twilight, Wild West Hero und Can’t Get it out of my Head.

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